Case Study 8. Neubau eines Wohnhauses in einen Baggersee eines stillgelegten Braunkohletagbaus.
Braunkohletagebaue hinterlassen großflächig verwüstete Landschaften. In Sachsen existierten einst 27 Abbaugebiete, von denen heute noch drei aktiv sind. Insgesamt fielen dem Braunkohletagebau über Tage 260 Ortschaften zum Opfer.
Die zunächst ungenutzten Tagebaulöcher, sogenannte Abbauhohlformen, füllten sich mit Grundwasser, das aufgrund des inzwischen weitgehend eingestellten Braunkohleabbaus wieder ansteigt. Da eine Auffüllung allein durch Grundwasser zu lange gedauert hätte, wurde zusätzlich Wasser eingeleitet – aus Regen, aus Flüssen wie Saale oder Elster sowie aus abgepumptem Grundwasser der verbliebenen aktiven Tagebaue.
Im Jahr 2018 waren alle Restlöcher geflutet. Allerdings funktionieren diese Seen noch nicht wie natürliche Gewässer. Bepflanzungen müssen regelmäßig gepflegt oder erneuert werden, und der oft zu niedrige pH-Wert des Wassers wird bei Bedarf durch Kalkzugaben angehoben. Der seit fast 30 Jahren andauernde Prozess der Renaturierung wird voraussichtlich erst 2050 abgeschlossen sein.
Rund um Halle und Leipzig ist aus ehemaligen Industriekratern das Leipziger Neuseenland entstanden. Ostsee oder Mecklenburger Seenplatte scheinen weit entfernt – eine neue Seenlandschaft liegt nun direkt vor der Haustür.
Der Hainer See gehört mit 600 Hektar Fläche zu den größeren Gewässern dieser Region. Er ist besonders, weil hier eine Uferbebauung mit Wohn- und Ferienhäusern möglich ist.
Jede Parzelle besteht zur Hälfte aus einem 18 Meter tiefen Uferstreifen und zur anderen Hälfte aus einer ebenso tiefen Wasserfläche. Die Grundstückstiefe beträgt durchgehend 36 Meter, die Breiten variieren jedoch.
Das Haus Fügener wurde für die schmalste Parzelle mit knapp 10 Metern Breite entworfen. Um möglichst wenig Fläche zu beanspruchen, wurde das Gebäude in zwei separate Baukörper gegliedert.
Das Vorderhaus liegt so nah wie möglich an der Straße, das Hinterhaus ragt weit in den See hinein. Dadurch bleibt der mittlere Teil des Grundstücks frei. Eine 11 Meter lange Brücke verbindet die beiden Häuser.
Das Vorderhaus nutzt die gesamte Grundstücksbreite und verfügt über eine geschlossene Fassade zur Straße. Damit schützt es das Grundstück und das Hinterhaus vor Einblicken. Zur Seeseite ist es dagegen vollständig verglast.
Im turmartigen Hinterhaus, das mit 5 Metern Breite sehr schmal gehalten ist, verteilen sich die Wohnflächen auf drei Geschosse, um den Grundriss kompakt zu halten. Die übrigen 5 Meter der Parzelle bilden einen natürlichen Übergang vom Ufer zum Wasser.
Das Vorderhaus enthält ein Gäste- oder Arbeitszimmer, eine Werkstatt, die Technikzentrale für die Luftwärmepumpe sowie ein Duschbad mit WC. Die Werkstatt lässt sich durch eine raumhohe Falttür vollständig zur Straße öffnen. Das Dach ist mit Photovoltaikmodulen belegt, die entweder direkt Strom ins Hausnetz einspeisen oder bei Überschuss einen Batteriespeicher laden.
Im Hinterhaus befinden sich auf Ebene 1 die Wohnküche, auf Ebene 2 Bad, WC und der Schlafraum, sowie auf Ebene 3 ein Atelier.
Die Stahlstützen und -streben des Hauses sind exakt auf die statischen Anforderungen abgestimmt. Dadurch setzt sich die Tragkonstruktion aus zahlreichen unterschiedlichen Profilquerschnitten zusammen. Die Brücke zum Beispiel besteht aus 22 verschiedenen Rohrdurchmessern.
Das Resultat ist ein scheinbar unregelmäßiges, fast chaotisch wirkendes Bild, das jedoch streng nach statischen Vorgaben konstruiert wurde. Alle tragenden Elemente sowie die Haustechnik bleiben sichtbar und prägen das architektonische Erscheinungsbild.
Archiviert im Deutschen Architekturmuseum.




























